Vom Knüppel zur automatischen Fabrik

Da brach 1929 die große Wirtschaftskrise aus.
Immer hatte es, wie wir schon wissen, solche Überpro-
duktionskrisen gegeben — seit 1825.
Überproduktionskrisen nennt man sie, weil die Kapi-
talisten in ihrer Profitgier mehr produzieren, als sie
verkaufen können. Schließlich häufen sich die unver-
kauften Vorräte oder Lager an Kohle und Eisen, Woll-
kleidern und Schuhen und vielen anderen Waren so,
daß die Kapitalisten die Produktion einschränken, weil
einfach kein Lagerplatz mehr da ist, oder weil wegen
des Nichtverkaufs von Kohle, Nähmaschinen usw.
nicht genügend Geld für die Weiterproduktion einge-
kommen ist.
Wenn aber weniger produziert wird, entlassen die Ka-
pitalisten die Arbeiter, die dann, da sie nicht verdie-
nen, sondern nur ein wenig Unterstützung bekom-
men, noch weniger kaufen können.
Dadurch werden die Lager in manchen lndustrien noch
größer, und noch mehr Arbeiter werden entlassen.
Schließlich, nach drei jahren Krise, gab es im jahre
1932 rund 15 Millionen Arbeitslose in den USA, etwa
8 Millionen Arbeitslose in Deutschland, und ähnlich
stand es in anderen Ländern.
Viele, viele Millionen Menschen mußten hungern. Die
Betriebe arbeiteten nur noch halb, oder die Maschinen
standen sogar ganz still. Die Ernten waren gut, aber
nur ein geringer Teil wurde verkauft, weil die Arbeits-
losen kaum Geld hatten.
Man überlege sich: Millionen Menschen hatten Hun-
ger, aber das gelagerte Getreide faulte, weil keine Käu-
fer da waren; Kaffee wurde verheizt oder ins Meer
geworfen, weil man nur die Hälfte der Ernte oder noch
weniger auf dem Markt los wurde. Die Menschen
gingen schlecht und schlechter gekleidet. Millionen
Arme sehnten sich nach Arbeit, aber Hunderttausen-
de von Maschinen standen still, wurden eingeölt wie
Museumsstücke, um sie zu erhalten, oder rosteten —
niemand benutzte sie.
Welch Wahnsinn war in der kapitalistischen Welt aus-
gebrochen!
Viele Menschen verzweifelten, töteten ihre Kinder, weil
sie ihre Not nicht mehr mitansehen konnten, und be-
gingen dann Selbstmord.
Viele Menschen begannen aber auch, ernster nach-
zudenken und sich in der Welt umzusehen.
Llnd da sahen sie die Sowjetunion. Ein Land, in dem
es keine Krise gab, in dem die Produktion von jahr zu
jahr stieg, in dem die Menschen sich, wie es doch nur
natürlich ist, über die steigende Produktion freuten.
Besonders in Deutschland begriffen viele Arbeiter, die
vorher nicht so klar gesehen hatten, warum die Mono-
polisten und ihre Helfershelfer Lügen und Verleum-
dungen über den ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat
verbreiteten — besonders in Deutschland, wo (außer-
halb der Sowjetunion) die stärkste Kommunistische
Partei unter Führung Ernst Thälmanns die Massen auf-
klärte — besonders in Deutschland, wohin die wirt-
schaftlich starke Sowjetunion Aufträge für Milliarden
Mark gab, die Hunderttausenden Arbeitern Beschäfti-
gung und Brot sicherten.
Deutschland, das von den großen imperialistischen
Ländern der Sowjetunion am nächsten lag, sollte ja
nach dem Willen der Kriegshetzer und Monopolisten
der ganzen Welt den ersten Angriff auf die Sowjet-
union führen.
Die Arbeiter begriffen, daß das kapitalistische System
an ihrem Elend schuld war. Sie begriffen, daß nur
die Kommunistische Partei wirklich die lnteressen der
Arbeiterklasse vertrat, daß nur sie für den Sturz des
Kapitalismus und für die Errichtung einer Arbeiter-
macht kämpfte. lmmer mehr Arbeiter strömten daher
zur Kommunistischen Partei, immer mehr gaben ihr
bei den Wahlen ihre Stimme.
Die Kommunistische Partei, die so zu einer starken
Kraft geworden war, wandte sich mehrfach an die
Sozialdemokratische Partei mit dem Vorschlag, die un-
selige Spaltung der Arbeiterklasse zu überwinden und
zusammen für die gemeinsamen Ziele zu kämpfen.
Aber sozialdemokratische Führer, die schon den ersten
Weltkrieg auf der Seite der Monopolisten mitgemacht
hatten, hatten hohe Regierungsstellen in diesem Staat
der Monopole — sie hatten kein Interesse daran, für
den Sturz dieses Staates zu kämpfen.
Viele sozialdemokratische Arbeiter verlangten von
ihrer Führung gemeinsame Aktionen mit den Kommu-
nisten. Wie lange würde es dauern, und sie würden
ihrer verräterischen Führung endgültig den Rücken
kehren 1

  1. Jürgen Kuczynski – Vom Knüppel zur automatischen Fabrik (München, 2004), S.197 ff. [zurück]