Dieser kolonialistischen und nationalistischen Einstellung der »weißen Siedler« entsprach die Abwertung der arabischen Bevölkerung Palästinas; sie steckt schon in der Behauptung, Palästina sei praktisch unbesiedelt gewesen, als die jüdischen Siedler ins Land kamen. Auch Ben-Gurion vertrat diese These: »Die erste Alija kam in ein menschenleeres, hier und dort mit elenden Hütten bebautes Land. Jerusalem war ein verfallendes Dorf, wo Slums mit vernachlässigten Denkmälern abwechselten. Die Erde Palästinas trug so gut wie nichts, und seine Bewohner waren in der Hauptsache wandernde Stämme, die, ohne Grenzen zu beachten, die verödeten Teile des Nahen Ostens durchzogen.« Kein anderes Volk habe je mit Israel etwas anfangen können, »seit die Juden die Herrschaft hier abgeben mussten«. Seit die Römer Jerusalem zerstörten, sei es mit dieser Region nur bergab gegangen. Ben-Gurion behauptete, dass auch »ehrliche Palästinenser« zugäben, »dass die Araber dieses Land niemals erschlossen haben«. Sie hätten »beinahe wie Tiere, fern jeglicher Zivilisation« gelebt. Aufgrund dieser Wahrnehmung maß Ben-Gurion dem arabischen Nationalismus nur geringen Wert bei. »Unser Recht ist um viertausend Jahre älter als das ihre (arabische, d. Verf). Der arabische Nationalismus ist eine Erscheinung unseres Jahrhunderts und, verglichen mit anderen nationalistischen Bewegungen, verhält sich die der Araber, mindestens die der Palästinenser, wie eine Kunstperle zu einer echten. Anders ausgedrückt: Der Nationalismus der Palästinenser ist ein Kunstprodukt und eigentliche Züchter sind die Briten.«
Noam Chomsky sieht die »Verachtung für die arabische Bevölkerung« generell im zionistischen Denken »tief verwurzelt« und zitiert eine Fülle von Aussagen israelischer Politiker und Militärs,
die das belegen. Unzivilisiert, wild, feige, heuchlerisch, unehrlich, primitiv, blutrünstig, terroristisch — das alles sind Eigenschaften, die ausschließlich der arabischen Bevölkerung zugeordnet werden. Das Militär müsse ihnen beibringen, dass »sie die Kinder sind und wir die Eltern«. Und Premierminister Schamir verkündete als Rezept gegen ungehorsame, Widerstand leistende Palästinenser: »Wir sagen ihnen von den Höhen dieses Berges herab und aus der Perspektive von eintausend Jahren Geschichte, dass sie im Vergleich zu uns wie Heuschrecken sind.«
Chomsky gibt einen beklemmenden Bericht des israelischen Journalisten Tom Segev wieder. Darin schildert Segev einen Spaziergang in Jerusalem, zu dem ihn ein arabischer Anwalt eingeladen hatte, um ihm konkrete Beispiele für die alltägliche Erniedrigung und Einschüchterung von Arabern zu geben: »Der Anwalt wurde wiederholt von Grenzpolizisten angehalten und nach seinen Ausweispapieren gefragt. Einer befahl ihm: „Komm her, spring“, warf lachend die Papiere auf den Boden und befahl dem Anwalt sie aufzuheben. „Diese Leute tun alles, was man ihnen sagt“, erklärten die Polizisten Tom Segev. „Ich sag ihm, er soll springen, und er springt. Ich sag ihm, er solle laufen, und er läuft. Ich sag ihm, er soll sich ausziehen, und er zieht sich aus. Und wenn ich ihm sag, er soll auf dem Boden kriechen, tut er auch das Alles. Wenn man ihm sagt, er soll seine Mutter verfluchen, wird er sie verfluchen. Es sind eben keine Menschen“.
Die Polizisten durchsuchten den Anwalt, schlugen ihn und befahlen ihm, seine Schuhe auszuziehen. Sie wiesen ihn darauf hin, dass sie ihm auch befehlen könnten, seine Kleider auszuziehen. „Mein Araber“, fährt Segev fort, „schwieg und setzte sich auf den Boden.“ Die Polizisten lachten und sagten noch einmal: „Wirklich, keine Menschen«. Dann gingen sie fort. Die Passanten würdigten den Araber keines Blicks, als wäre er durchsichtig.«1

  1. Wolfgang Gehrcke, Jutta von Freyberg, Harri Grünberg – Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt – Eine notwendige Debatte (Köln, 2009); Seite 190f.