Marxistische Theoretiker erkannten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass die Marxsche Untersuchung des Kapitalismus »der freien Konkurrenz« nicht mehr ausreichte, um die Transformationen zu erklären, die sich in der kapitalistischen Produktionsweise vollzogen. Gleichzeitig erhöhte sich die außenpolitische Aggressivität der führenden kapitalistischen Länder, die verschärft miteinander um Märkte, Profite und Kolonien konkurrierten. Die neue Qualität bestand in der Herausbildung kapitalistischer Monopole. Diese waren eine Reaktion auf den von Marx im 3. Band des »Kapitals« analysierten »tendenziellen Fall der Profitrate«. Marx beschrieb hier, dass der konstante Teil des Kapitals (Maschinen, Anlagen, Rohstoffe) erhöht werden muss, um die Produktivität zu steigern. Dies drücke auf die Profitrate und könne nur ausgeglichen werden durch einen höheren Produktionsausstoß, der auf dem Markt verwertet werden müsse.

Darüber hinaus zwangen die Kämpfe der Arbeiterbewegung die Kapitaleigner, Zugeständnisse zu machen, die ebenfalls die Profitrate verkleinerten. Um diese negative Entwicklung zu vermeiden, musste die Kapitalseite beschleunigt die Produktivkräfte entwickeln. Damit wurde immer mehr Kapital in Maschinen und Rohstoffen gebunden. Die neu erworbene Produktivität sprengte den Rahmen der Produktionsbedingungen, die der Nationalstaat bot. Die Märkte der Nationalstaaten wurden zu eng, um das akkumulierte Kapital zu verwerten. Gewaltige Summen von Kapital wurden in wenigen Händen konzentriert. Eine neue Gruppe reicher Finanziers tauchte auf, die ihr akkumuliertes Kapital im Ausland anlegten. Sie waren die Träger dieses neuen Imperialismus. »Überall erscheinen übergroße Produktionskräfte, übergroße Kapitalien, die nach Investition verlangen. Sämtliche Geschäftsleute geben zu, dass der Zuwachs an Produktionsmitteln in ihrem Lande die Zunahme der Konsumption [des Verbrauchs] übertrifft, dass mehr Güter hervorgebracht als mit Gewinn abgesetzt werden können, dass mehr Kapital vorhanden ist, als lohnend angelegt werden kann. Diese ökonomische Sachlage bildet die Hauptwurzel des Irnperialismus… Imperialismus ist das
Bestreben der großen Industriekapitäne [der Großindustriellen], den Kanal für das Abfließen ihres überschüssigen Reichtums dadurch zu verbreitern, dass sie für Waren und Kapitalien, die sie zu Hause nicht absetzen oder anlegen können, Märkte und Anlagemöglichkeiten im Ausland suchen.«

Theoretikerinnen und Theoretiker der deutschen, österreichischen und russischen Sozialdemokratie beteiligten sich an der Ausarbeitung von Analysen des Imperialismus. Sie veröffentlichten ihre Überlegungen und Theorien in ihren jeweiligen theoretischen Organen. Zu nennen sind Autoren wie Karl Kautsky, Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg, Heinrich Cunow, Friedrich Adler, Max Adler, Otto Bauer, Karl Renner, Nikolai Bucharin und Lenin. Besondere Bedeutung kam dem Buch von Rudolf Hilferding zu, das 1910 erschien und die erste grundlegende marxistische Arbeit über die neuere Entwicklung des Kapitalismus war. Kautsky meldete sich zu diesem Thema mit einer Vielzahl von Artikeln zu Wort z. B. in der Zeitschrift »Die Neue Zeit« sowie in verschiedenen Werken. Kautskys besonderer Beitrag zur Imperialismus-Debatte war sein Begriff des Ultraimperialismus, Obwohl zwischen den verschiedenen marxistischen Ansätzen zur Analyse des Imperialismus mehr oder weniger Übereinstimmung herrschte und — zumindest aus heutiger Sicht — die Heftigkeit mancher der damaligen Kontroversen kaum nachvollziehbar ist, sollte die Kautskysche Formulierung des Ultraimperialismus zu einer scharfen Scheidelinie werden: zwischen den sozialdemokratischen Theoretikern und den späteren kommunistischen Theoretikern wie Luxemburg, Lenin und Bucharin. Lenin wandte sich gegen die These des Ultraimperialismus mit äußerster Schärfe. Er warf Kautsky vor, er breche damit endgültig mit dem Marxismus: »Kautsky geht dabei eindeutig von seiner Vorstellung des Imperialismus als einer Form der Politik aus und lasse wesentliche ökonomische Prozesse außer
Acht.« Angesichts »der internationalen Verfilzung der verschiedenen Klüngel des Finanzkapitals« stellte sich Kautsky die Frage, »ob es nicht möglich sei, dass die jetzige imperialistische Politik durch eine neue ultraimperialistische verdrängt werde, die anstelle des Kampfes der nationalen Finanzkapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital setze.« Hiermit ist in geradezu prophetischer Antizipation das Stichwort für die neueren Theoretiker des globalisierten Kapitalismus geliefert worden, die den Imperialismus als überwunden ansehen.

Rosa Luxemburg beschrieb die typischen äußeren Erscheinungen der imperialistischen Periode als »Wettkampf der kapitalistischen Staaten um Kolonien und Interessensphären, um Anlagemöglichkeiten für das europäische Kapital, das internationale Anleihesystem. Militarismus, Hochschutzzoll, vorherrschende Rolle des Bankkapitals und der Kartellindustrie in der Weltpolitik«. Um seine strukturelle Krise zu überwinden, suchte der Kapitalismus neue profitable Anlagebereiche, die er in den nichtkapitalistischen Milieus fand: in den vorkapitalistische Produktionsweisen in den Kolonien und Halbkolonien. Er zog aus ihnen nicht nur Extraprofite, sondern er kontrollierte die Wirtschaft dieser Kolonien.

Diese Vorherrschaft des imperialistischen Kapitalismus ist auch nach der Dekolonisierung erhalten geblieben, aber die Form seiner Realisierung hat sich verändert. Karl Kautsky, Otto Bauer u. a. hatten ihre Hoffnungen auf eine Sozialreform gesetzt, die zu einer Egalisierung der Einkommensverteilung führen werde. Auf diese Weise könne strukturell der Imperialismus mit seinem Problem der Überakkumulation als eine Phase des Kapitalismus überwunden werden. Mit der Durchsetzung dieser später als »Fordismus« bezeichneten Phase, die mit angehobenen, die Binnennachfrage steigernden Löhnen und den Segnungen des Sozialstaates verbunden
war, wäre der Imperialismus aus ihrer Sicht überwunden gewesen. Die Erfahrung zeigt aber, dass auch die Phase des fordistischen Massenkonsums mit der größeren Konsumfähigkeit des Binnenmarktes nichts am imperialistischen Charakter des Kapitalismus der westlichen Industrieländer, der Metropolen, geändert hat. Die Basis für diesen Massenkonsum war die ökonomische Vorherrschaft über die ehemaligen Kolonien und die halbkolonialen Länder Lateinamerikas, Afrikas und Asiens, Da sich deren Naturressourcen in den Händen multinationaler Konzerne befanden, konnten sich die Metropolen mit billigen Rohstoffen ihre lebensnotwendigen Extraprofite sichern, Die fordistische Phase wäre aufgrund des Druckes, den die Arbeiterbewegung auf die Profitrate ausübte, viel eher erschöpft gewesen, hätte es nicht die finanzkapitalistische Expansion der Metropolen in die ehemaligen Kolonien gegeben, die in den 60erjahren einsetzte.

  1. Wolfgang Gehrcke, Jutta von Freyberg, Harri Grünberg – Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt – Eine notwendige Debatte (Köln, 2009); Seite 219ff.