Ein Beispiel hierfür findet sich in einem Streitgespräch in der Zeitschrift »konkret«. Thomas Ebermann diffamierte kritische Positionen von Politikern der LINKEN zur offiziellen israelischen Politik als antisemitisch: »Es gibt für mich keinen Grund, nicht Worte der Wertschätzung zu finden für Leute in der Partei (die LINKE, d. Verf.), die den Antisemitismus von Gehrcke und Paech und Lafontaine thematisieren.« Angriffe wie dieser sind verlogen und verletzend. Schlimmer noch: Sie verhindern jede politische Auseinandersetzung, weil Antisemitismus indiskutabel ist. Sie haben die Funktion, die Kritiker Israels »mundtot zu machen«, meint Michael Bodemann, Soziologe an der Universität Toronto. Seine Einschätzung fasst die jüdische Zeitung in einem Beitrag über die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Henryk M. Broder und Evelyn Hecht- Galinski zusammen und zitiert: »Viele Juden wie Nichtjuden würden sich hüten, dieses Verdikt (des Antisemitismus, d. Verf.) auf sich zu ziehen.« Hecht-Galinski sei eine Ausnahme. »Auch wer nicht ihrer Meinung ist«, so führt Bodemann aus, »muss anerkennen, dass sie den Mut aufbringt, in diesem überängstlichen, feigen Milieu die israelische Politik zu kritisieren.«

Deutschen Wissenschaftlern, die sich »von den gewalttätigen Aspekten der israelischen Politik« gleichermaßen wie vom »militärischen Vorgehen eines Teils der Palästinenser und der libanesischen Hisbullah« distanzierten, warf Micha Brumlik nicht Antisemitismus, sondern »neudeutschen Verantwortungsimperialismus« vor. Die Betreffenden hatten in ihrem »Manifest der 25« den Versuch unternommen, den Inhalt der stets beschworenen »besonderen Beziehungen« Deutschlands zu Israel kritisch zu hinterfragten. Sie leiteten aus der deutschen Verantwortung für den Holocaust nicht nur Verantwortung für Israel, sondern auch für Palästina her. Brumlik warf den Autoren »unzureichende historische Kenntnisse« vor, die die Basis dieser »Form von neudeutschem Verantwortungsimperialismus« bildeten — eine »moralische Bagdadbahn«. Den Vorwurf des Verantwortungsimperialismus verband er mit der Vernichtungspolitik der Nazis: »Übrigens: 1942 war Deutschland schon einmal dabei, seiner »Garantenpflicht« gegenüber den Palästinensern gerecht zu werden, und hatte daher alles dafür vorbereitet, nach einem Sieg über die Briten Palästina von den Juden zu befreien — die Gaswagenkommandos standen in Athen schon bereit.«

Die Gleichsetzung einer kritischen Haltung gegenüber der israelischen Regierungspolitik mit Antizionismus und Antisemitismus wird auch von der sich als »Antideutsche« bezeichnenden Strömung vertreten, die aus der Linken hervorgegangen ist. Ein kleiner Ableger dieser Richtung hat sich nun auch innerhalb der Partei Die Linke etabliert — der Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom. Er hat sich zum Ziel gesetzt, jene linke Politik öffentlich zu »entlarven« und zu bekämpfen, die aus einem »obsoleten Antiimperialismus, der durch manichäisches Denken gekennzeichnet ist«, resultiere und der »häufig reaktionäre Regime verteidigt, statt diese zu kritisieren«. Dieser Antiimperialismus habe den »Hass auf die Vereinigten Staaten von Amerika« als Kernstück und: »Im schlimmsten Fall wird die vermeintliche jüdische Dominanz angeprangert. Dies ist die offene Flanke hin zum Antisemitismus.« Bevorzugte Ziele von BAK Shalom sind Abgeordnete der Linken, die Kritik an israelischer Aggressionspolitik nicht als Widerspruch zu ihrer Solidarität mit dem israelischen Volk verstehen. In einer Auseinandersetzung mit dem Abgeordneten Norman Paech warf BAK Shalom ihm in einer Pressemitteilung vom 30.04.08 die »ungehemmte Verbrüderung mit der terroristischen Hamas und anti- zionistische Ressentiments« vor. Er sei als außenpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE im Bundestag »untragbar« geworden.

Mit der Haltung der Antideutschen, die in der Israel-Frage mit der von BAK Shalom übereinstimmt, hat sich Moshe Zuckermann ergrimmt auseinander gesetzt. Er bezeichnete die Antideutschen als »im besten Fall gutwillige Ignoranten, im großen Ganzen aber doch eher Gesinnungsschmarotzer«, die glaubten, ihre nationalen Identitätsprobleme »durch eine überspannte »Israel-Solidarität« abstruses Schwenken von Israel-Fahnen und sonstiges ideologisches Getue, das durch ein falsch verstandenes Niewieder-Deutschland über »Israel« an den Juden« etwas historisch »wiedergutzumachen« vermeint, überwinden zu können«. Sie kanalisierten ihre Befindlichkeitsdefizite in eine »letztlich regressive politische Reaktion, ohne sich bewusst zu werden, dass sie durch die Ersetzung des Antisemitismus durch Islamophobie gerade das Andenken Jener missbrauchen und kontaminieren, in deren Namen sie meinen, sprechen zu dürfen«.

BAK Shalom wendet sich in seiner Grundsatzerklärung gegen Antisemitismus, Antiamerikanismus und regressiven Antikapitalismus. Er distanziert sich scharf von den fortschrittlichen Bewegungen in der Dritten Welt, insbesondere der Linken in Lateinamerika. Ebenso die Antideutschen; für sie steht nicht nur das Verhältnis der Linken zum Staat Israel zur Diskussion, sondern auch prinzipiell die Frage nach dem Verhältnis der Linken zu Antiimperialismus und nationalen Befreiungsbewegungen. Viele Antideutsche halten den Krieg der USA gegen Vietnam für gerechtfertigt; ebenso den Irak-Krieg und sie fordern auch einen militärischen Angriff auf den Iran, um Israel zu verteidigen.

Unter den Zerfallsprodukten der radikalen linken Szene in Deutschland, so der Publizist Robert Kurz, gehört die antideutsche Strömung zu den unangenehmsten. Dieser Teil der ehemals radikalen Linken und der antifaschistischen Szene führt nach Auffassung von Kurz einen Diskurs, der angesichts der verschärften globalen Krise die radikale Kapitalismuskritik nicht zeitgemäß verändert, sondern »liquidiert« habe. Nach dem 11. September und dem Irak-Krieg wurde die Krieg befürwortende Haltung der Antideutschen offensichtlich. Ihre Kritik an der Linken mündete »in die Affirmation kapitalistischer Vernunft und Zivilisation, die nichts anderes darstellt als den Interessenstandpunkt des männlich-weißen westlichen Metropolensubjekts…«.

Die antideutsche Ideologie fußt auf wenigen Grundannahmen.

These Nr. I ist, dass der Nationalsozialismus und seine in Auschwitz entfesselte Unmenschlichkeit ein Verbrechen ist, das nur in Deutschland und von Deutschen begangen werden konnte, weil dies im völkischen Charakter der Deutschen begründet sei. Der liberale Kapitalismus US-amerikanischen, angelsächsischen Zuschnitts beinhalte hingegen das Versprechen von Demokratie und Freiheit. Deutschland hingegen kenne nur die Volksgemeinschaft, die sich auf Blut und Ressentiments gründe. Somit werden die USA für die Antideutschen zum »Zivilisationsgaranten«. Dem deutschen völkischen Charakter verwandt seien die Araber und andere islamisch geprägte Nationen, die voll von Ressentiments gegen die Moderne und die sie hervorbringenden individuellen Freiheiten seien. »So verschwindet durch diese Gleichsetzung die Geschichte der Kolonisierung und Abhängigkeit vollständig aus der (antideutschen, d. Verf.) RefIexion.« »Die Antideutschen haben von den Neocons der USA den neuen kolonialen Blick des Krisenimperialismus übernommen.«

Daraus folgt These Nr. 2 der Antideutschen: Antiamerikanismus und der damit verbundene Antisemitismus sind konstitutive Momente der deutschen Ideologie. Es gelte, »die Vernunft der Moderne gegen das drohende deutsche Unwesen zu verteidigen«. Da Deutschland »stets auf dem Sprung sei, erneut über die Welt herzufallen«, kommen die Antideutschen schließlich zu der Schlussfolgerung: Wer sich gegen deutsch-volkstümelnde, antiamerikanische und antisemitische Ressentiments wenden und für Emanzipation und Befreiung einsetzen wolle, der müsse vor allem gegen Deutschland sein. Es sei ein Ausdruck von Vernunft, ein positives Verhältnis zu Amerika und zu Israel zu haben. Die »real existierende Zivilisation soll gegen ihre barbarischen Anwandlungen um jeden Preis über die Runden gebracht werden, und zwar mit imperialer (heute von der US-Militärmaschine entliehener) Gewaltsamkeit…«. Israel sei deshalb besonders zu verteidigen, weil es letzte Zuflucht für die vom Antisemitismus Verfolgten sei, und beide — die USA und Israel — setzten der deutschen Machtentfaltung Grenzen.

Es wird aber keine Emanzipation geben ohne das Recht der Unterdrückten des Südens, ihren Weg in die Zukunft ihrer Gesellschaften selbst zu bestimmen. Sie haben das Recht auf Rebellion und Widerstand gegen das imperialistische Diktat der reichen Nationen des Nordens. Die antideutsche Strömung negiert dies. Ihr Konzept des zivilisatorischen Kapitalismus kann, zu Ende gedacht, dazu führen, im Namen des angeblich humanen angelsächsischen Kapitalismus Kriege zu rechtfertigen.

  1. Wolfgang Gehrcke, Jutta von Freyberg, Harri Grünberg – Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahost-Konflikt – Eine notwendige Debatte (Köln, 2009); Seite 236ff.