Herr Doktor, die Periode…
Na, freun Sie sich doch man
Daß die Bevölkerungsquote
Mal’n bißchen wachsen kann.
Herr Doktor, ohne Wohnung…
Na, ’n Bett wern Sie wohl noch ham
Da gönn‘ Sie sich ’n bißchen Schonung
Und halten sich’n bißchen stramm.
Da sind Sie mal ’ne nette kleine Mutter
Und schaffen mal’n Stück Kanonenfutter
Dazu ham Sie ’n Bauch, und das müßen Sie auch
Und das wißen Sie auch
Und jetzt keinen Stuß
Und jetzt werden Sie Mutter und Schluß.

Herr Doktor, ’n Arbeitsloser
Daß der nicht’n Kind haben kann…
Na, Frauchen, so was is’n bloßer
Antrieb für Ihren Mann.
Herr Doktor, bitte, …. Frau Renner
Da kann ich Sie nicht verstehn
Sehn Sie, Frauchen, der Staat braucht Männer
Die an der Maschine stehn.
Da sind Sie mal ’ne nette kleine Mutter
Und schaffen noch’n Stück Maschinenfutter
Dazu ham Sie ’n Bauch, und das müßen Sie auch
Und das wißen Sie auch
Und jetzt keinen Stuß
Und jetzt werden Sie Mutter und Schluß.

Herr Doktor, wo soll ich denn liegen…
Frau Renner, quaßeln Sie nicht
Erst wollen Sie das Vergnügen
Und dann wollen Sie nicht Ihre Pflicht.
Und wenn wir mal was verbieten
Dann wißen wir schon, was wir tun
Und drum sei’n Sie mal ganz zufrieden
Und laßen Sie das mal unsere Sache sein, ja?
Und nun
Seien Sie mal ’ne nette kleine Mutter
Und schaffen noch’n Stück Kanonenfutter
Dazu ham Sie ’n Bauch, und das müßen Sie auch
Und das wißen Sie auch
Und jetzt keinen Stuß.

  1. Bertold Brecht – Ballade vom Paragraphen 218 (1929)
    Der Paragraph 218 beinhaltet das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen in der Weimarer Republik. In der BRD wurde dieser Paragraph übernommen, erst 1992 wurde der Schwangerschaftsabbruch durch den Zusatzparagraphen §218a teilweise legalisiert.