Natur ist, so sagt man, nichts als Gewohnheit. Was heißt das? Gibt es nicht Gewohnheiten, die man nur unter Druck annimmt und die niemals die Natur ersticken? Man verhindert z.B. daß eine Pflanze nach oben wächst. Gibt man ihr die Freiheit wieder, so behält sie zwar die Beuchung bei, aber der Wachstumstrieb bleibt derselbe. Sie richtet sich wieder auf, wenn man sie weiter wachsen läßt. Genau so steht es mit den Neigungen der Menschen. Unter gleichbleibenden Verhältnissen behält man Gewohnheiten bei, die vielleicht unserer Natur am wenigsten entsprechen. Sobald die Verhältnisse sich ändern, hört der Zwang auf, und die Natur kehrt zurück.

  1. J.-J. Rousseau – Emil oder über die Erziehung (1762); hier ausgabe von 1998; Seite 11