Im systematischen Teil, der den Gang der Natur darzustellen versucht, wird der Leser am meisten stutzen. Hier wird man mich wahrscheinlich angreifen, und vielleicht nicht zu unrecht. Man wird weniger eine Abhandlung über die Erziehung als Träumereien über sie zu lesen glauben. Was kann ich tun? Ich schreibe eben nicht, was ein anderer denkt, sondern was ich denke. Ich sehe mit anderen Augen, und das hat man mir schon lange vorgeworfen. Aber kann ich anders sehen und anders denken? Nein! Ich darf mich nur nicht überschätzen und mich nicht für klüger halten als alle Welt. Ich werde meiner Meinung mißtrauen, sie aber nicht ändern. Das ist alles, was ich tun kann und was ich auch tue. Wenn ich manchmal deutlich werde, so geschieht das nicht, um dem Leser zu imponieren. sondern um ihm zu zeigen, wie ich denke. Warum soll ich etwas zweifelsam ausdrücken, wovon ich fest überzeugt bin? Ich sage nur, was ich denke.

Wenn ich auch meine Meinung frei heraussage, so behaupte ich doch nicht, recht zu haben; daher führe ich immer meine Gründe an, damit sie jeder wägen und beurteilen kann, Obwohl ich meine Gedanken nicht stur verteidige, fühle ich mich dennoch verpflichtet, sie vorzutragen. Denn die Richtlinien, in denen ich eine gegenteilige Meinung habe, sind keineswegs gleichgültig. Man muß wissen, ob sie richtig oder falsch sind, denn von ihnen hängt das Glück oder das Unglück der Menschheit ab.

Schlag vor, was zu machen ist, sagt man mir immer. Das ist, als ob man mir sagte: Schlag das vor, was man schon macht! Oder wenigstens: Schlag was Gutes vor, das man mit dem vorhandenen Übel verbinden kann. Ein solcher Vorschlag ist. was gewisse Dinge betrifft, noch viel phantastischer als alles. was ich sagen könnte. Denn in einer solchen Verbindung geht das Gute zugrunde, und das Schlechte wird nicht besser. Da ist es besser. bei der herrschenden Praxis zu bleiben, als eine bessere nur halb anzuwenden; das riefe weniger Widersprüche hervor, denn der Mensch kann nicht zwei entgegengesetzte Ziele zugleich anstreben. Das was ihr, Väter und Mütter, machen wollt. ist auch durchführbar. Muß ich euren Willen erst verteidigen?

Bei jedem Plan muß man zweierlei erwägen: erstens. ob er wirklich gut ist, und zweitens, wie leicht man ihn ausführen kann. In erster Hinsicht genügt es, um einen Plan an sich zulässig und durchführbar zu machen, daß das Gute in ihm in der Natur der Sache selbst begründet ist.

  1. J.-J. Rousseau – Emil oder über die Erziehung (1762) – Vorwort; hier ausgabe von 1998; Seite 6