Hinterland #14

Vom Luxus oft genug Geburtstag zu haben, um von vergangenen Zeiten erzählen zu können.
Von Phil Zero

Methusalem war ein volkswirtschaftliches Unding. Nicht nur, dass der Gute ganze 969 Lenze alt wurde[1], nein, der Sohn des Set[2] erdreistete sich auch noch im bereits fortgeschrittenen Alter von 187 Jahren, einen Sprössling in die Welt zu setzen. Hätte Gott — wie uns ebenfalls das alte Testament in der Genesis verrät ein entschiedener Gegner der Fünf- Tage-Woche — damals ein Rentenalter von 65 vorgesehen gehabt (dementsprechend unwahrscheinlich), wäre der feine Herr Methusalem ergo bereits 122 Jahre der Staatskasse „zur Last gefallen“, als ihn letztlich noch der Hafer stach in Zeugungsdingen aktiv zu werden. Auf der anderen Seite muss man sich allerdings auch einmal in den greisen Altvorderen hinein versetzen; Mit zunehmendem Lebensalter lässt zwangsläufig die Agilität nach und es wird schwerer, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Die Lösung dieses Problems besteht letztlich einzig in der Erzeugung nachfolgender Generationen, die für einen aufkommen. Diese wiederum zeugen später weitere Nachfahrenscharen, die sich im Alter um sie kümmern sollen und so weiter und so fort. Methusalem musste quasi in Ermangelung ausreichend anderer Mitstreiter im Fortpflanzungs-Bingo selbst für Nachkommenschaft sorgen, wollte er nicht einmal mit dem Ofenrohr ins Gebirge schauen, wenn der Rücken nicht mehr mit- machte bei der Apfelernte. Die Geburt des Generationenvertrages.[3]

Viele Sommer später, wir schreiben die 1960er Jahre, wurde die Welt jedoch erschüttert von etwas, das so nach dem Prinzip Zeug-Dir-Deine-Rente-selber sicher nie vorgesehen war — dem Pillenknick. Folgerichtig sangen mit der Band „The Who“ einige junge Männer wohl intuitiv richtig „I hope I die before I get old“ auf ihrer Debüt-LP My Generation im Jahre 1965. Wirklich in die Tat umgesetzt hat diesen Vorsatz dann konsequenterweise neben Drummer Keith Moon nur ein unzulänglich kleiner Teil der damals angesprochenen Jugendlichen, so dass der Löwenanteil der Menschen, die derzeit die Welt verwalten, sich aus den Reihen eben jener dereinst angesprochenen Teenager rekrutiert. Dank des unbarmherzigen Mahlzahns der Zeit dürfen sie freilich heute den Prozess des Älterwerdens von der anderen Seite des Steinbruchs der Jahrzehnte betrachten. Nein, Moment, das ist so auch nicht ganz richtig, denn die wirklich andere Seite wäre ja das Altenteil. Sprich das Rentenalter, also genau die Position, in welcher der logisch denkende Mitmensch sich freuen sollte — nach Dekaden des künstlichen Stresses in obskuren Tätigkeiten mit Broterwerbsintention und der Lebenszeit stehlenden Dienststunden — endlich zu Gunsten einer nachfolgenden Generation wieder aus einer Position der „Verantwortung“ für das Bruttoinlandsprodukt hinausbefördert worden zu sein und nun mit etwas Glück noch einige erbauliche Restjahre auf Erden zu verleben. Bevor dann schließlich doch Cholesterin oder Karzinom obsiegen.

Jedenfalls stellen die geburtenstarken Jahrgänge, die dereinst noch ihr Taschengeld für die Originalpressungen von Beatplatten zusammenkratzen durften, heute erschreckt fest, dass das Resultat ihrer mit Eifer und Akribie betriebenen Fortpflanzungsversuche zahlenmäßig insgesamt vergleichsweise dürftig ausgefallen ist. Und nachdem auch schlicht zu wenige von ihnen ausreichend schnell gelebt haben, um eine junge dynamische Leiche wie Herr Moon abgegeben zu haben, klaffen die Rentenkassen bedrohlich leer vor sich hin. Um diesen Missstand zu beheben und eingedenk der Tatsache, dass man selbst mittlerweile in das regierungsbildende Alter hinfortgereift ist, greift man sodann beherzt zu so genannten Maßnahmen. Dies bedeutet schlicht, wenn Geld fehlt, muss welches akquiriert werden. Und dies wiederum geschieht am — freilich ziemlich kurzfristig gedacht — logischsten durch a) Einsparungen bei jenen und b) Erhöhung der Abgaben derer, die 1. noch nicht im regierungsbildenden Alter sind oder sich bereits aus diesem herausgealtert haben und 2. eine möglichst lange Zeit des Erwerbs noch vor sich haben bzw. auf der anderen Seite nicht mehr arbeiten und durch ihr zeitnahes Ableben beim Einsparen der Ausgaben im Gesundheitswesen und beim Unterhalt einen wirkungsvollen Beitrag zur allgemeinen Kostendämpfung leisten könnten. Dass man in modernen Zeiten Autorität am effektivsten über finanziellen Druck ausübt, führt jedoch folgerichtig dazu, dass von den nachfolgenden ErdenbürgerInnen eher noch weniger und vor allem wenn überhaupt noch später neue Nachkommen in die Welt gesetzt werden.[4] Schlicht weil die nötige finanzielle Sicherheit hierzu fehlt.[5] Ganz zu Schweigen von den horrenden Ausgaben für Depressionstherapien gepaart mit damit einhergehenden Arbeitsausfällen — ein paar erfolgreiche Suizide sind da ein Tropfen auf den heißen Stein. Außerdem bringen sich die meisten Mittzwanziger/Anfangdreißiger Early-Burnout-Opfer zu einem Zeitpunkt um, in welchem sie zwar massiv Ausbildungskosten verschlungen, diese aber keineswegs renditeträchtig wettgemacht haben. Ob die Zeugungsfaulheit der jungen Generation gleichzeitig auch ein noch vehementeres Klammern am irdischen Verbleib bei der ältesten Generation auslöst, ist meines Wissens nie erforscht worden, aber es würde ins Bild passen.[6]

Wir sehen also einen Staat vor uns, in welchem ein Heer von Rentnerinnen[7] einer unproportional kleinen Schar an jungem Gemüse gegenüber steht, dazwischen eine Generation in der Verantwortung des Handelns, die sich in ihrem kollektiven Bewusstsein zu fragen scheint, warum sie eigentlich nicht doch auf „The Who“ gehört hat und sich auf der Suche nach Lösungen ständig neuen Fallstricken einer perfiden Kausalkette ausgesetzt sieht.

Fraglos ist es hochgradig asozial im eigentlichen Sinne des Wortes, RentnerInnen, die über 40 Jahre ihres Lebens darauf verwendet haben, das Bruttoinlandsprodukt zu stärken — und zwar genau den Teil, in welchem sie am meisten in Saft und Kraft standen und die meisten von ihnen[8] sicher Erfüllenderes mit ihrer Zeit anzufangen gewusst hätten — eine Apanage angedeihen zu lassen, die gerade einmal reicht, um nicht direkt unter der Brücke schlafen zu müssen. Gleichzeitig kann es auch nicht angehen, jungen Menschen von Beginn ihrer Erwerbstätigkeit Abgaben abzuverlangen, die in einer Höhe liegen, dass viele normale BürgerInnenkinder bis ins Alter jenseits der 30 nicht einmal darüber nachdenken können, ob es eventuell erstrebenswert wäre, eine eigene Familie zu gründen. Das ist übrigens nicht nur Betrug an der jungen Generation im jungen Alter sondern auch an eben derselbigen, wenn sie selbst auf Rentenzahlungen angewiesen sein wird und darüber hinaus auch an der der jetzt schon alten, deren System, welches sie ein Leben lang unterstützte, vor ihren Augen weiter in den Abgrund getrieben wird.

Wirtschaftlich gesehen freilich ist es wiederum nicht dumm, Seniorinnen durch kurzgehaltene Kassenleistungen, einen existenzminimumesken Lebensstandard und depressionsfördernde Schmalspurfernsehunterhaltung von einer allzu ausufernd langen Lebenserwartung fernzuhalten. Und freilich spart es Kosten, wenn alte Menschen etwa in Parkanlagen und vor Konzerthallen statt der Stadtreinigung das Leergut aufsammeln, weil 16 Braunglasflaschen auch eine Leberkässemmel sind. Setzen Sie sich mal in München eines schönen Nachmittags an die Isar oder stellen Sie sich — abenteuerlustig wie Sie sind — besser noch einen Wecker auf drei Uhr früh und besuchen Sie den Parkplatz vor einer größeren Unterhaltungsbühne Ihrer Wahl. Sie werden erstaunt sein über das Phänomen, dass sich vor Ihren Augen und ganz ohne Drogen die Landschaft in ein großes Krokodil verwandelt, das von Rentnern vergleichbar diesen kleinen schwalbenartigen Vögeln, welche die Echsen von Ihren Parasiten befreien, von umherliegenden Bierflaschen gesäubert wird. Merke, wir sprechen hier — bei allem Respekt vor selbigen — nicht von Obdachlosen, sondern von auf den ersten Blick normalen älteren Herrschaften.

Das ist tatsächlich ein Bild, welches ich in dieser Form noch vor einigen Jahren so nicht wahrgenommen habe, obgleich ich fürwahr oft genug zu fragwürdigen Uhrzeiten an Orten wie den genannten verkehrte.[9] Eigentlich ist es vielmehr eine Szenerie, die mich lediglich an die unschönen Erzählungen meiner Großeltern aus vergangenen schlechten Zeiten erinnert. Erstaunlicherweise ist die Vergangenheit im menschlichen Erinnern anscheinend immer wahlweise die beste oder die schrecklichste aller Zeiten gewesen. Man erlebt es nie, dass einmal jemand sagt, die Vergangenheit wäre einfach irgendwie gewesen, so wie jede andere Zeit auch — mit ungezogenen Jugendlichen, boshaften Seniorinnen und aktionistischen „Best-Agem“[10] dazwischen — garniert mit Hinterhalt, Tücke und ab und an einem erfreulichen Ereignis. Menschen scheinen die Gegenwart aus irgendeinem Grund generell so sehr verachten zu müssen, dass sie stets nur Mittelmaß sein darf. Ich vermute, das liegt daran, dass entgegen einem weit verbreiteten Fehldenken zu Gunsten der Zukunft in Wirklichkeit die Gegenwart das einzige ist, was wir aktiv beeinflussen können. Nachdem wir aber für unsere Gegenwart komplett selbst verantwortlich zeichnen, sehen wir uns scheinbar gezwungen, unsere Verantwortungslosigkeit situationsabhängig hinter einer ausreichenden Portion des Lamentierens oder Glorifizierens vor uns selbst und der Welt draußen zu verschleiern. Einzig die Jugend, die in Ermangelung eines ausreichend heraufzubeschwörenden vergangenen Zeitfensters hier nicht mitspielen kann, muss sich daher stets mit Wutausbrüchen und Ungehorsam Ablenkung verschaffen — unterbewusst in der stillen Hoffnung, diese Jahre später bei Bedarf ausgiebigst eloquent zu reinszenieren.

Und so zeigt sich, dass ein Generationenvertrag letztlich doch mehr sein sollte, als seine eigenen Schäflein im Trockenen zu wissen. Es geht tatsächlich auch nicht um den Pillenknick oder darum, dass die Halbstarken von einst morgen die unfreiwilligen Beschützer des leergutfreien öffentlichen Raumes werden. Sondern eine Gegenwart zu schaffen, die nicht irgendwann zu einer Zukunft wird, die verblüffend an die im Wortsinne asoziale Vergangenheit Europas der vergangenen Jahrhunderte erinnert, in der nur wenige den Luxus genossen haben, oft genug Geburtstag zu haben, um von vergangenen Zeiten erzählen zu können. Und natürlich geht es auch darum, ab und an altersunabhängig gegen einen Altglascontainer zu treten. Es befreit ungemein und das ist ja auch gut für Kreislauf und Wohlbefinden.

1 Hierfühlen wir die volle Tragweite des Terminus vom „biblischen Alter“.

2 Set ist der gemeinhin relativ unbekannte Sohn, den Eva Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies gebar um den vom Bruder gemeuchelten Abel zu ersetzen. Quasi die Umkehr des 5. Beatle in der Schöpfungsgeschichte — er kam erst dazu, als die ganze Hysterie schon vorbei war Respektloserweise heißt „Schet“, wovon sich Set ableitet auf hebräiscb auch nichts anderes als „Ersatz“ und um die Suche auf die Spitze zu treiben ist die arabische Transkription des Namens „Schith“… Wie dem auch sei, schon hier erkennen wir früh das urmenschliche Prinzip: „Keiner ist unersetzlich“ und fragen Sie mich bitte fürderhin nicht, mit wem genau Methusalem den guten Lamech gezeugt haben soll, seien wir lieber dankbar um den bleiernen Mantel des Schweigens, den die Geschichte hier ausbreitet…

3 Um zu unterstreichen, wie wichtig das Prinzip Generationenvertrag ist, füllt die Litanei des kontinuierlichen Weiterzeugens in der Bibel so manche Zeile.

4 Eine Taktik die wir bereits aus dem Tierreich kennen. So lange der alte Löwe kann, hält er junge Artgenossen von Beute und Fortpflanzung fern, um seinen Status zu sichern. Wir finden dies in der modernen Humangesellschaft in Form von unbezahlten Praktika und horrenden Mieten für Ein-Personen-Appartements wieder.

5 Auch das Tierreich zeigt ans, dass der Nachkommenanbau in kargen Zeiten praktisch zum Erliegen kommt.

6 Nicht umsonst ist diese Generation bekannt für Bestseller mit Titeln wie „50 weit die Füße tragen“ oder „Die Magermilchbande“. Das Wort „Aussterben“ hingegen scheint sie nicht kennen zu wollen.

7 Und das trotz zweier Weltkriege und einiger anderer mehr als nachdrücklicher Auseinandersetzungen aufvölkerschlachtender Ebene, die uns das vergangene Jahrhundert bescherte.

8 jedenfalls die mit ausreichend Phantasie und Lebensfreude…

9 Das eigentlich Schöne daran, nachts auszugehen, ist dass die Gründe dafür immer im Dunkeln liegen.

10 Ein gruseliger Euphemismus für Personen, die man im Mittelalter bereits seit einigen Wintern wahlweise Methusalem oder aber mit dem Teufel im Bunde gehalten hätte, die dieses aber noch nicht wahrhaben wollen. Man vertraut dieser Generation vermutlich deshalb gerne die Regierungsgewalt an, weil der Teil der Älteren, die nach wie vor erfolgreich Senilität und Siechtum von der Schippe springen Besseres zu tun haben als sich weiterhin mit der vollen Abartigkeit der Lobbyarbeit zu befassen (etwa Windsurfen oder Töpfern) und Jüngere noch mehr Mist anstellen würden. Ein Lied wie „Kinder an die Macht“ etwa mutet doch an wie der Wunsch eines verrückten Masochisten. Ich möchte in keiner Welt leben, die von hochgradig egoistischen Despoten regiert wird die bereits für Sandschaufeln aus Plastik andere zusammenschlagen.

  1. Phil Zero in Hinterland – Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrats (Ausgabe #14; Seite 16ff.)