Blätter 10’10

Von Lamya Kaddor

Seit gut einem Monat hat dieses Land nicht nur einen neuen „Helden“ im Kampf für die Meinungsfreiheit (so die neueste Kampagne der „Bild”-Zeitung), sondern auch einen neuen Islam-Experten. Sein Name: Thilo Sarrazin.

Einige mögen sich über ihn und sein neues Buch ärgern. Andere mögen entsetzt sein, mit welcher Chuzpe er Gehässigkeiten von sich gibt. Doch der eigentliche Skandal ist nicht Sarrazin. In Deutschland gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung; unsere Demokratie muss auch die Parolen der NPD ertragen.

Besorgniserregender und gefährlicher für das gesellschaftliche Gefüge sind all jene, die Sarrazins chauvinistische Darlegungen hoffähig machen und seine kruden Weisheiten unter dem Deckrnantel der lntegrationsdebatte unters Volk bringen. Das eigentlich Erschütternde ist der breite Raum, der Sarrazin geboten wird. Wann hat jemals eine große Boulevard-Zeitung einem Buch eine ganze Woche lang täglich eine ganze Seite frei geräumt, um darauf zentrale Auszüge abzudrucken, völlig frei von begleitender Kritik? Warum so viel Ehre für einen Mann, der Frauen als „lmportbräute” denunziert und kalt nach ihrem ökonomischen Wert in nützlich und nutzlos einteilt?

Feindbild Islam

Die enorme Resonanz auf die Sarrazin-Debatte hat einen Grund: Schon seit Jahren stehen wir Muslime in der deutschen Öffentlichkeit schlecht da.

Gewiss hat und bereitet ein Teil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland Probleme. Keiner würde dies ernsthaft bestreiten; es braucht keinen Sarrazin, um das zu sehen. Selbstverständlich haben Türken und nicht etwa Koreaner die größten Integrationsdefizite. Das liegt aber zum Teil einfach daran, dass Türken die größte Migrantengruppe stellen. So können sie sich problemlos in „Parallelgesellschaften“ zusamrnenfinden. Wie sollte das den wenigen Koreanern im Lande gelingen? Doch solche Hinweise verfangen derzeit nicht. Die Welt lechzt angesichts der neuen Unübersichtlichkeit förmlich nach einfachen Erklärungen und Bildern.

Eine undifferenzierte und diffamierende „Islamkritik“ einerseits und dogmatische Ansichten übereifriger Muslime andererseits zeichnen seit Jahren das fundamentalistische Zerrbild eines gefährlichen und rückständigen Islam. Die liberale, weltoffene Form muslimischen Lebens wird dagegen viel zu selten wahrgenommen. Freilich ist eine offene, differenzierte und lebensnahe Sicht auf den Islam weit weniger spektakulär als die Skandalisierung islamischer Terror-Kids (gar mit dem Namen Dschihad) oder „ Ehrenmörder“. In den öffentlichen Islam-Debatten, in denen sich vermeintliche Experten die Köpfe heiß reden, geht die liberale Perspektive daher regelmäßig unter.

Tatsächlich aber geht die gefährliche Unterscheidung zwischen Deutschen und Muslimen, die in der Sarraziri-Debatte massiv befördert wird, an der Lebensrealität von Millionen von Menschen vorbei. In den 60er Jahren, als die ersten Muslime einwanderten, war man in der Tat entweder „ deutsch “ oder „muslimisch“, aber spätestens in der zweiten, dritten und vierten Einwanderergeneration sind wir „deutsch“ und „muslimisch“. Wir können gläubige Muslime und gleichzeitig loyale Staatsbürger dieses Landes sein. Es ist möglich, die eigene Stimme gegen einen Dogmatismus und Fundamentalismus im Islam zu erheben, ohne seinen islamischen Glauben preiszugeben und zum

„säkularen Kulturmuslim“ zu mutieren.

Nach langjährigen Erfahrungen als „Berufsmuslimin“, die ich in der islamischen Theologie und als eine der ersten islamischen Religionspädagoginnen in der Bundesrepublik sammeln konnte, kann ich allerdings auch keine Entwarnung geben. Zu viel läuft bei der Integration von Muslimen in Deutschland immer noch schief. Dafür sind jedoch Muslime ebenso wie Nicht-Muslime zu kritisieren, die Politik ebenso wie gesellschaftliche Entwicklungen. Nur eine fundierte und differenzierte Kritik kann uns wirklich weiterbringen — weiter als die pauschalen Anklagen, die die Debatte gegenwärtig dominieren.

Der Islam — eine Religion mit Migrationshintergrund

Diskriminierung als „Ausländer“ oder „Migrant“ ist schon immer die alltägliche Erfahrung junger Muslime gewesen, die hierzulande wie ich ihre Heimat gefunden haben. Der Sarrazin-Overkill aber hat nun unzählige Menschen, nicht nur in den Medien, dazu veranlasst, „endlich Klartext“ zu reden. Er lässt dadurch viele Menschen hilflos zurück: Pubertierende muslimische Schüler werden in ihrem Frust bestärkt. Und muslimische Akademiker sind von der Zustimmung für die radikalen Islamkritiker angewidert und sprachlos.

Diese Erfahrung darf aber nicht zu einer Bunker- oder gar Barrikadenmentalität bei den Muslimen führen. Wir müssen vielmehr den Islam für uns so lebbar machen, dass er modernen Werten wie Toleranz, Weltoffenheit und Freiheit nicht widerspricht. Oft ist noch das Gegenteil der Fall, auch aus geschichtlichen Gründen. Der Islam hat in Deutschland ebenso wie seine Anhänger einen Migrationshintergrund. Er reiste im Gepäck der „Gastarbeiter“ nach Deutschland ein und wurde erst so zu einer nennenswerten Kraft im Land. Doch genau wie seine Anhänger verändert sich der Glaube allmählich von Generation zu Generation. Die ersten Folgen werden langsam sichtbar. Das lässt sich besonders in der Schule bei jungen Muslimen aus der dritten Einwanderergeneration beobachten. Sie denken, dass der Islam die wichtigste Rolle in ihrem Leben spielt. Ein Großteil der ersten Gastarbeiter-Generation aus islamischen Ländern dachte völlig anders. Die ersten Einwanderer verstanden die Religion lediglich als einen Mosaikstein ihrer Identität. Fragt man heute bei den Jugendlichen genauer nach, warum der Islam so wichtig für sie ist, bekommt man erstaunlicherweise nicht viel zu hören, außer einigen Floskeln. In etwas ausgefeilteren Antworten lautet der Tenor entweder, dass es eine natürliche, angeborene Selbstverständlichkeit ist, dass der Islam das wichtigste im Leben ist, oder dass Gott der Einzige ist, auf den man sich verlassen kann — denn er ist gerecht.

Verschiedene Faktoren sind für diese ebenso erstaunlichen wie diffusen Aussagen verantwortlich: die Art und Intensität der religiösen Erziehung und der Glaubenspraxis in Elternhaus und Gemeinde; die Rolle der Herkunftskultur, Tradition und Sprache; die Sicht der „Außenwelt“ auf muslimische Jugendliche; mehrfach erlebte Diskriminierung, ob sie einen nun selbst betrifft oder andere Muslime; und insbesondere auch Protest gegen eine vermeintlich feindlich eingestellte Gesellschaft (wie es ihn auch etwa in der Punkbewegung der 80er Jahre gab). Kurzum: Viele der muslimischen Jugendlichen sind zu wenig in der hiesigen Gesellschaft verwurzelt. Aber Jugendliche benötigen einen Halt und einen Anker, den sie auswerfen können und der sie fest an etwas bindet. Diesen „Rettungsanker“ finden sie im Islam, denn in Deutschland fühlen sie sich nicht anerkannt: Hier werden sie noch immer als „Türken“ oder „Ausländer“ bezeichnet. Die Mehrheitsgesellschaft gibt ihnen nach wie vor nicht das Gefühl, Deutsche zu sein.¹ Dabei wissen „die“ Deutschen selbst allzu oft nicht so genau, was ihnen ihr Deutschsein bedeutet.

Das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft

Wo man diesem Gefühl der Ausgrenzung entgegentreten könnte, lassen es die Verantwortlichen leider — und lange vor Sarrazin — oft an der dafür nötigen Sensibilität fehlen. Anlässlich der Feierlichkeiten zu 60 Jahren Grundgesetz und damit auch zu 60 Jahren Bundesrepublik verlor Bundespräsident Horst Köhler kein einziges Wort über die „Gastarbeiter“ bzw. die jüngeren „Einwanderergenerationen“ in der bundesdeutschen Gesellschaft. Wurden ihre Eltern und deren Eltern nicht geholt, um die deutsche Wirtschaftskraft mit anzukurbeln? Waren es nicht ihre Väter und Großväter, die mit einer Staublunge aus der Kohlengrube kamen, weil sich viele eingeborene Deutsche zu gut dafür waren? Und bis heute sind sich autochthone Deutsche für viele Arbeiten in diesem Lande zu schade, weshalb vor allem Türken den Obst- und Gemüsehandel in Berlin betreiben, um sich anschließend dafür von Thilo Sarrazin beschimpfen zu lassen.

Kein Wort davon, weder bei Köhler noch bei Sarrazin, dass Muslime und andere religiöse Minderheiten über die Jahre fester Bestandteil des Landes geworden sind und einen entscheidenden Beitrag zu ihrem jetzigen — positiven — Erscheinungsbild geleistet haben. Dabei leben heute schätzungsweise mehr als 15 Millionen Einwanderer, inklusive ihre Nachkommen, in Deutschland, aber Horst Kühler sprach lediglich von den über zehn Millionen deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ausführlich erläuterte er: „Ostpreußen kamen nach Schleswig-Holstein, Sudetendeutsche nach Bayem und Bessarabiendeutsche nach Schwaben. Das war oft alles andere als einfach. Aber am Ende stand die Erfahrung: Es gab neue Heimat, und die alte bestand fort im Herzen. Und alle machten die Erfahrung, dass es in Deutschland viele Heimaten gibt und dass diese Vielfalt unser Land bereichert.“ Nicht dass man speziell die Muslime in den Vordergrund stellen müsste, aber wenigstens eine Erwähnung der jüngeren Einwanderungsgeschichte wäre zu diesem Anlass angemessen gewesen. Sie wäre kaum aufgefallen, aber sie wäre da gewesen — als ein schlichtes Zeichen von Normalität. Dass dieses Signal nicht gegeben wurde, ist bezeichnend für die hohen Hürden, die diese Gesellschaft noch zu nehmen hat, um sich tatsächlich als Einwanderungsland zu begreifen.

Experten und Schläfer

Die Tatsache, dass (junge) Muslime sich hier nicht heimisch fühlen und sich daher abgrenzen, lässt uns aufhorchen — und diese Jugendlichen unsererseits ganz schnell ausgrenzen. Sofort müssen aufgeregte Debatten darüber geführt werden, wie man mit „ihnen“ verfährt. Deshalb wird umgehend die Altersgrenze zur Schuldfähigkeit diskutiert oder die Abschieberegelung neu überdacht. Zudem wird gerade in der Sarrazin-Debatte der Eindruck ständiger Zuwanderung erweckt, durch die die „autochthonen Deutschen“ sukzessive ihres Landes entfremdet würden. Dabei hatten wir im Jahr 2009 die niedrigsten Einbürgerungszahlen, so dass sich die Bundeskanzlerin bereits genötigt sah, medienwirksam einige Einbürgerungsurkunden höchstpersönlich an unsere „Neu-Deutschen“ zu überreichen. Mittlerweile verzeichnet Deutschland zudem jährlich mehr Auswanderer als Einwanderer — und das gilt auch für Türken: 2009 kamen 30 000. Und es gingen: 40 000, Diese Unlust, Deutsche zu werden, hat auch damit etwas zu tun, dass Einwanderern immer noch zu wenig Respekt entgegengebracht wird. Diese Tatsache verwundert umso mehr, als es scheinbar noch nie so viele Islamexperten gab wie heute, weit über Thilo Sarrazin hinaus. Eigentlich steckt in uns allen ein selbst ernannter Islamexperte, denn wir alle haben eine Meinung oder Haltung zum Islam, ganz egal, ob wir einen Muslim oder eine Muslima kennen. Wir haben ja auch alle eine Meinung zum Fußball oder zu den Bonuszahlungen der Banker.

Selten werden dagegen Muslime selbst zu ihrem Glauben befragt. Das „Forum am Freitag“, das vor zwei Jahren vom ZDF initiiert wurde, ist eine der wenigen Sendungen, in denen Muslime wöchentlich zu Wort kommen und sich zu den unterschiedlichsten Themen äußern dürfen. Das „Islamische Wort“ des Südwestrundfunks ist ein ähnliches Angebot. Immerhin gibt es inzwischen auch einige Verlage, die eine andere, offenere Sicht auf den Islam präsentieren und so dazu beitragen, dass der Islam in der Öffentlichkeit ein neues, liberaleres Gesicht bekommt. Doch die meisten Medien liefern uns nach wie vor täglich Nachrichten, die uns immer wieder von „Deutsch-Türken“, „Deutsch-Libanesen“, „Deutsch-Bosniaken“ oder Muslimen im Ausland erzählen. Und dies, wie Studien belegen, zu mehr als 80 Prozent im Zusammenhang mit „jungen kriminellen Ausländern“, mit „ Schläfern“, „ Terrorismus“, „Dschihad“, „ Taliban“, „Scharia“, „Demokratiefeindlichkeit“, „Islamisierung“, „Unterdrückung”, „Intoleranz“, „Zwangsheiraten“, „Ehrenmorden“, „Schwimmunterricht“ oder „Kopftuch“.

Die Medien erwecken — gelegentlich unbewusst — den Eindruck, als zwinge der muslimische Glaube regelrecht dazu, die Frauen und Mädchen zu unterdrücken, ihnen das Kopftuch aufzuzwingen oder die Scharia noch über das Grundgesetz zu stellen. Die einseitige Medienberichterstattung macht selbst viele Muslime glauben, dass wir es hierzulande mit einer immer größer werdenden Gruppe von ungebildeten und demokratieunfähigen Ausländern zu tun haben, die alle den Westen hassen und die Integration ablehnen, weil der Islam eine faschistoide, frauenfeindliche und extrem chauvinistische Ideologie sei. Wie aber lässt sich diese erstaunliche Diskreditierung des Islam erklären?

Den ungekürzten Artikel können Sie hier nachlesen.

¹ In ihrer .,Heimat“, die sie wenn überhaupt nur aus dem Urlaub kennen, geht es den Jugendlichen oft nicht anders; dort sind sie zumeist nur „die Deutschen“.

² Übrigens wurde jene Oriana Fallaci von Papst Benedikt XVI. kurz nach dessen Amtsantritt mit einer Privataudienz geehrt.

³ vgl. Patrick Bahners, Fanatismus der Aufklärung. Zur Kritik der Islamkritik, in: „Blätter“, 9/2010, S. 105-117.

  1. Lamya Kaddor – Muslima im Sarrazinland in Blätter für deutsche und internationale Politik 10’10, S.41ff.