Vom Staat vereinnahmt und vernachlässigt: Holocaust-Überlebende in Israel verlangen angemessene Unterstützung (Protestmarsch in Jerusalem, August 2007)
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Vorabdruck. »›Antisemit!‹ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument«. Israel gilt manchem als Schutzmacht und Heimstätte schlechthin aller Juden. Doch wie ist es tatsächlich um das Verhältnis Israels zu Antisemitismus und Shoah-Überlebenden bestellt?
Von Moshe Zuckermann

»Noch nie ist der konstruierte Zusammenhang von Zionismus, Israel, Shoah, Antisemitismus und Nahostkonflikt so weidlich instrumentalisiert, perfide ausgekostet und schändlich mißbraucht worden wie im gerade abgelaufenen ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts« (Aus dem Vorwort). Eine solche Situation bedarf der kritischen Klärung, und mit Moshe Zuckermanns »›Antisemit!‹ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument« erscheint in diesen Tagen im Wiener Promedia Verlag ein wichtiger Beitrag dazu. jW veröffentlicht die ersten beiden Kapitel des Buches, leicht gekürzt und mit Zwischenüberschriften versehen, vorab. Das Buch wird am 23. Oktober um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie (Torstraße 6, Berlin-Mitte) in Anwesenheit des Autors vorgestellt. (jW)

Der Zionismus wurde aus dem Antisemitismus geboren. Zwar wehren sich zionistisch gesinnte Israelis zuweilen gegen diese historische Einsicht, weil sie zu sehr auf einer negativen Bestimmung dessen basiere, was sie für eine aus sich selbst gewachsene Bestrebung des jüdischen Volkes nach kultureller Erneuerung und politischer wie gesellschaftlicher Souveränität erachten; die Erhabenheit der Selbstkonstituierung als Nation solle sich tunlichst keiner Fremdbestimmung verdanken. Und doch darf ihre Sicht des Zionismus als beschränkt angesehen werden. Denn nicht nur muß bezweifelt werden, ob es je eine Nationalstaatsbildung gegeben hat, die sich der Reibung daran, wovon sie sich zu emanzipieren trachtete, entziehen konnte. Und nicht nur ist darüber hinaus historisch nachweisbar, daß und wie sich das Bewußtsein der Notwendigkeit einer nationalen Heimstätte für Juden sowohl an europäischen Vorbildern infolge der Französischen Revolution orientierte als auch eben an der Heraufkunft des modernen Antisemitismus schärfte; sondern der in unzähligen Schriften zur umfassenden Ideologie geronnene Diskurs über die Begründung der geschichtlichen Notwendigkeit des Zionismus ist ohne sein zentrales Postulat der Diaspora-Negation schlechterdings nicht nachvollziehbar, wobei das zu negierende diasporische Dasein gerade von jenen als ein degeneriert-unwürdiges apostrophiert wurde, die sich der traditionellen, orthodox-religiösen jüdischen Lebenswelt entwunden hatten, um an die säkularisierte bürgerliche Gesellschaft einen Anspruch zu stellen, den diese ihnen gleichwohl weitgehend verweigerte– den der bürgerlichen Gleichstellung. Diese Gleichstellung wurde ihnen jedoch nicht mehr aus religiösen, sich aus überkommenem Judenhaß speisenden Gründen verweigert, sondern eben im Zuge des sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einiger Rasanz ausbreitenden, im Wesen religionsfernen Antisemitismus. Insofern das sogenannte »jüdische Problem« als ein modernes gelöst werden sollte, standen den europäischen Juden die tendenzielle Selbstauflösung in der Assimilation, der universal-emanzipative Sozialismus oder eben der aufkeimende politische Zionismus zu Gebote. Und dieser verstand sich nun einmal selbst primär als Reaktion auf die sozialen Auswüchse des modernen Antisemitismus.

Diese Grundrelation zwischen Zionismus und Antisemitismus sollte indes zwei verschiedene, dialektisch freilich miteinander verschwisterte Wirkungen zeitigen. Zum einen verfestigte sich die Auffassung des Zionismus als »Antwort« auf den Antisemitismus zum regelrechten Axiom zionistischer Ideologie. Nach der Shoah und der durch sie beschleunigten Gründung des Staates Israel avancierte dieses Axiom nachgerade zur zionistischen Staatsdoktrin. Noch im Jahr 2005 machte sich eine deutliche Spannung bemerkbar, als Yad-Vashem-Direktor Avner Shalev sich anläßlich der Neueröffnung des umgestalteten Museums zu behaupten anmaßte, der Zionismus sei nur eine der möglichen »Antworten« auf die Shoah; der Besucher im Museum möge durchaus den Eindruck gewinnen können, eine jüdische Existenz in New York z.B. sei nicht minder legitim – dies aber in ausgesprochenem Gegensatz zur zuvor erfolgten Anweisung des israelischen Außenministeriums, die Zeremonien der Neueröffnung hätten vor allem die Botschaft zu übermitteln, daß Israel die einzige »Antwort« auf eine Erscheinung wie die Shoah sei. Der brave Museumsdirektor vollführte kurz darauf den von ihm erwarteten Gesinnungsrückzieher.

Zum anderen erwuchs aber aus ebendiesem Axiom ein (vermeintliches) Paradoxon: Der Anspruch des Zionismus, den Antisemitismus (qua »Antwort« auf diesen) zu überwinden, ließ die »Erhaltung« des Antisemitismus in der Welt notwendig werden, solange das Projekt des Zionismus nicht zum historischen Abschluß gebracht worden ist – was zentralen Postulaten des Zionismus zufolge so lange der Fall sein muß, wie ein Großteil der Juden in der Welt, sei’s aus lebensgeschichtlichem Zwang, sei’s aus freier Wahl, nicht im für sie gegründeten zionistischen Staat leben. Die Forderung, Juden aus aller Herren Länder mögen sich in Israel versammeln, verstand sich dabei nie als ein beliebiges Nice-to-have, sondern stets als Raison d’être des Judenstaates, der das Ziel jüdischer Massenimmigration ins Land entsprechend von Anbeginn zur vordringlichen Staatspolitik erhob. »Heimstätte« stellte sich für Israels Zionismus daher nie als Möglichkeit dar, die man nach Belieben wahrnimmt oder nicht, sondern immer schon als ein praktisches Ziel, das man unter Verwendung großer materieller, diplomatischer, erzieherischer und ideologischer Ressourcen zu verfolgen hatte (und letztlich noch immer hat).

Je schlechter, desto besser

Was man sich dabei über Jahrzehnte (mit wenigen Ausnahmen) kaum je vor Augen zu führen gestattete, war der einer von solchem Geist beseelten Antisemitismus-Bekämpfung inhärente Widerspruch. Denn nicht um die konsequente Eliminierung des Antisemitismus in der Welt ging es den Sachwaltern des Zionismus, sondern um die zionistische »Antwort« auf diesen bzw. die vom Zionismus angebotene Lösung des »jüdischen Problems«, welches – willkommener Weise – auf den in der Welt grassierenden Antisemitismus zurückgeführt werden konnte. Nicht nur hatten also Existenz und Entfaltung des Zionismus für ihn selbst Vorrang vor dem Kampf gegen den das Judentum bedrohenden Antisemitismus, sondern der reale Fortbestand des Antisemitismus in der als solcher apostrophierten Diaspora war sein Interesse. Der Zionismus initiierte zwar nicht den Antisemitismus, gab sich auch stets betroffen, wenn dessen Auswirkungen konkret zutage traten, aber nicht von ungefähr zeichneten sich die Reaktionen vieler Israelis auf antisemitische Erscheinungen im Ausland, nicht selten auch Kommentare der israelischen Medienwelt, durch eine zumeist offen artikulierte Schadenfreude aus: Recht geschieht es ihnen! Wenn diese Juden das Leben in Israel verschmähen und ein diasporisches Dasein bewußt vorziehen, mögen sie sich nicht wundern und darüber beklagen, daß sie antisemitischen Ausfällen ausgesetzt sind.

Das will wohlverstanden sein: Die Logik, wonach die Verschlechterung der Zustände, die den Antrieb zu ihrer Überwindung speisen, das Anliegen derer begünstigt, die sich um die Abschaffung der Zustände bemühen, ist nicht exklusiv dem Zionismus zuzuschreiben. Die dialektische Doktrin des Je-schlechter-desto-besser entstammt bekanntlich einem anderen historischen Zusammenhang, darf aber im übrigen als Erbteil nahezu aller Befreiungsbewegungen der Moderne angesehen werden. Was sie gleichwohl im Zionismus spezifisch auszeichnet, ist die binäre Rigorosität, mit der diese Doktrin hochgehalten wurde, um sie in eine stramme staatsoffizielle Politik mit entsprechendem ideologischen Anspruch zu übersetzen. Die radikale Verächtlichmachung des Diasporischen, die sich im hebräischen Substantiv Gola und dem von diesem abgeleiteten Adjektiv galuti verdichtet findet, zeitigte nicht nur eine selbstherrliche Verdinglichung alles Israelischen, sondern auch die ideologische Perpetuierung einer Mischung aus Abscheu vorm Diasporischen und dem Schrecken vor einer absehbaren »nächsten Shoah«. Besonders in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung wuchs die Israel-Diaspora-Dichotomie zur Zentralachse einer stets herbeibemühten zionistischen Selbstvergewisserung heran. Noch 1976 durfte der damalige israelische Premierminister, Yitzhak Rabin, jüdische Abwanderer aus Israel in einem Interview als »schwächliche Abfallprodukte« der israelischen Gesellschaft bezeichnen und sich dabei der Zustimmung eines Großteils der jüdisch-israelischen Bevölkerung gewiß sein. Das Ressentiment gegenüber den »verräterischen« Emigranten wußte sich dabei der nicht minder konsensuellen Verachtung für ihre »Erbärmlichkeit«, sich freiwillig einem »degenerierten Dasein« aussetzen zu wollen, verschwistert.

Instrumentalisierter Antisemitismus

Von Bedeutung ist aber im hier erörterten Zusammenhang vor allem die ideologische Verzahnung von Diaspora (bzw. Gola, Exil) und Antisemitismus: Wenn Zionismus im Kern die Überwindung der Diaspora zum Inhalt hatte, mußte diese negativ konnotiert werden, und zwar so, daß der Gegensatz von Jüdischsein und nichtjüdischer Umwelt zum Paradigma existentieller Bedrohung für Juden heranwuchs. Wo das Diasporische sich nicht als primär antisemitisch auswies (etwa in den USA), behalf man sich mit der »Assimilation« als propagandistischer Notwaffe, wobei orthodoxe Religiöse und säkulare Zionisten einander diesbezüglich in nichts nachstanden: So wie die pseudotheologische Erläuterung geliefert werden konnte, die Shoah habe sich ereignet, weil das jüdische Volk vor der totalen Assimilation gestanden habe (also als Gottes Bestrafung und »Reinigung« des auserwählten Volkes), reden Religiöse in Israel oft auch von der »Shoah der Assimilation« (schoat ha’hitbolelut) in unseren Tagen (also der kulturellen Selbstauflösung des jüdischen Volkes) und können sich dabei dem säkularen Zionismus, welcher das Menetekel der Assimilation im Interesse seiner politischen Zielsetzungen stets einzusetzen wußte, durchaus verbunden fühlen. Unschlagbare Waffe dieses Diskurses war und blieb gleichwohl der Antisemitismus. Denn nicht nur hat er der schleichenden Assimilation das akut Sensationelle voraus, er darf darüber hinaus auch, wann immer nötig, als ein historisch gefestigter »Beweis« für die Vergeblichkeit aller Assimilation und die Verlogenheit aller universellen Emanzipationsbestrebungen herangezogen werden. Nichts läßt sich in den polemischen Schlachten der zionistischen Ideologie effektvoller instrumentalisieren, nichts geriet ihr zur besseren strategischen Waffe als der Antisemitismus. Darin ist sich der Zionismus gewiß – kann er doch stets mit einem unschlagbaren Beleg aufwarten: der Shoah. (…)

»Die israelische Regierung ruft in diesen Tagen Shoah-Überlebende auf, die ›Zentrale für Rechte der Überlebenden‹ zu kontaktieren, um ihre Rechte wahrzunehmen. Ich hörte diese Woche folgende Schlußworte des dazu [im Radio] gesendeten Clips: ‚Historische und soziale Gerechtigkeit wird verwirklicht’. Was für ein Zynismus! Jahrzehntelang haben sich Israels Regierungen der Erfüllung von Rechtsansprüchen der Shoah-Überlebenden entwunden. In den letzten Jahren, nachdem die meisten von ihnen gestorben sind, hat man die Zentrale errichtet«.

Diese schlichten Zeilen eines Leserbriefs an die israelische Tageszeitung Haaretz kodieren Wesentliches von dem, was es an der Grundbeziehung von »Israel und der Shoah« zu erörtern gilt. Nicht nur die Entrüstung des Lesers über das seit Bestehen des Staates vorherrschende Verhalten israelischer Regierungsinstanzen den Shoah-Überlebenden gegenüber fällt dabei auf, sondern nicht minder die von heraushörbarer Ohnmacht durchdrungene Empörung über den selbstgefälligen Anspruch, bei der verspäteten Korrektur noch »historische und soziale Gerechtigkeit« walten zu lassen. Daß dieser Anspruch in einen kulturindustriell vergnüglichen PR-Slogan verpackt wird, zeugt von der Seriosität der Initiatoren des Aufrufs – ihr Zynismus hält ihrem Narzißmus die Waage. Daß die Verspätung des nunmehr Initiierten sich womöglich wirtschaftlichem Kalkül verdankt, ist zwar nicht nachweisbar, aber in Israel auch kein allzu fremder Gedanke. War doch die politische Auseinandersetzung Israels mit »der Shoah« von Anbeginn auf heteronome Interessen gestellt, allen voran Interessen aus dem Bereich des ökonomischen Tauschwerts. Ganz abgesehen davon, was jene, die den Slogan des Clips formuliert haben, sich gedacht haben, als sie sich anmaßten, von »historischer« (und dazu, auf gleiche Ebene gesetzt, »sozialer«) Gerechtigkeit zu reden, sie enthüllten dabei, wohl gegen ihren eigenen Willen, eine Dimension des realen (historischen) Verhältnisses des Staates Israel zu den in ihm lebenden Shoah-Überlebenden, nicht zuletzt auch des – freilich kokett aufbereiteten – Schuldgefühls ihnen gegenüber. Nicht von ungefähr erklärte die Richterin Dalia Dorner, Vorsitzende des Anfang 2008 eingesetzten parlamentarischen Ausschusses zur Untersuchung der Hilfeleistungen für Shoah-Überlebende, im Juni 2008, israelische Regierungen hätten die Überlebenden über Generationen hinweg vernachlässigt, sie mithin um ihnen zustehende Geldsummen geprellt, und die vom Ausschuß angesichts der eklatanten Mißstände ausgesprochenen Empfehlungen hätten zur Nachholung von Unterlassenem »nur wenig an der Schande« zu ändern vermocht.

Eine nationale Zufluchtsstätte?

So wie nichts an den Ermordeten der Shoah »wiedergutgemacht« werden kann, darf man sich nicht einbilden, den einst nach Israel gekommenen Opfern heute noch eine wie auch immer verstandene »historische Gerechtigkeit« widerfahren zu lassen: Den bereits verstorbenen kann nichts mehr zugute kommen; den noch lebenden unter ihnen wird niemand mehr das Gefühl nehmen können, vom Staat, der sich selbst als ihre historische Zufluchtsstätte apostrophiert hatte, hintergangen worden zu sein. Das hatte mit vielem zu tun, primär aber mit zentralen Koordinaten der israelischen Staatsideologie. Denn während sich heute kaum noch jemand einfallen ließe, den objektiv zustande gekommenen Konnex von Israel und der Shoah – eben den einer für die Entwurzelten errichteten nationalen Zufluchtsstätte – hinterfragen zu wollen, ist es um die reale Begegnung der in Israel nach der Katastrophe angelangten Überlebenden mit dem Kollektiv der Alteingesessenen und den sie beseelenden ideologischen Ausrichtungen nicht gar so einfach, geschweige denn, positiv bestellt gewesen. Der Zionismus vereinnahmte sehr früh das Gesamtereignis der Shoah und integrierte es nahtlos in sein Narrativ, konnte aber mit den realen Subjekten des Ereignisses, vor allem mit den im Territorium seiner jüngst etablierten politischen Wirkungssphäre konkret auftauchenden Überlebenden nicht sehr viel anfangen: Sie widersprachen als geschundene Opfer seinem propagierten Ideal des heroi­schen neuen Juden, mochten ihm tendenziell gar als das, was er sie ideologisch rezipierte, zur Last fallen. Der Zionismus konnte das Schicksal der Shoah-Opfer gebrauchen, den abstrakten Aspekt dessen, was zum funktionalen Baustein der von ihm konstruierten Erlösungsteleologie taugte; er bediente sich der Shoah als Argument, wußte dieses Argument im Sinne seiner Interessen zu instrumentalisieren und für praktische Zwecke effektiv einzusetzen – aber mit den Überlebenden als solchen, den real Leidenden, lebensgeschichtlich Geschlagenen, vermochte er sich nicht auseinanderzusetzen, sondern begegnete ihnen im besten Fall paternalistisch, im gängigeren jedoch mit unverhohlener, bar allen Einfühlungsvermögens artikulierter Arroganz. Jahre sollten vergehen, ehe die von totalem Unverständnis geschlagene Frage, wie man sich wie Vieh zur Schlachtbank habe führen lassen können, verstummte. Daß dabei eigene Ängste neben dem empathischen Defizit eine Rolle gespielt haben mögen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr es vor allem die gefestigten ideologischen Strukturen waren, welche die ignorante, sich in der Frage widerspiegelnde Einstellung speisten und zur Ideologie kollektiv-narzißtischer Selbstvergewisserung werden ließen. Gewiß, es gab objektive Gründe für die ideologische Verhärtung. Man war ja dabei, einen Staat zu institutionalisieren und eine Gesellschaft aufzubauen, und zwar unter schwersten ökonomischen (Vor-)Bedingungen und höchsten demographischen wie sicherheitsmäßigen Herausforderungen. Das empfindungsresistente Verhältnis zur Schwäche läßt sich in dieser Hinsicht durchaus rationalisieren. Nur lasse man dann tunlichst die pathosgeschwängerte Selbstsuggestion, es habe sich um ein Projekt großer solidarischer Humanität und kollektiver Erlösung gehandelt, wie sie sich die Ideologie des israelischen Zionismus stets einzureden wußte.

Ein jüngst gefundenes Dokument aus der Feder Golda Meirs bezeugt aufs beredtste, welcher Geist bei der Bewältigung der historischen Herausforderung des gesellschaftlichen Aufbaus Israels realiter Pate stand. Es handelt sich zwar um ein Schreiben aus dem Jahr 1958, das sich nicht direkt auf die Shoah (wiewohl auf einen Teil ihrer Überlebenden) bezog, und doch dokumentiert sich in ihm ein Zugang, der zum damaligen Zeitpunkt bereits als zionistische »Tradition« gelten durfte: In einem als »streng geheim« eingestuften Brief vom 29.4.1958 bat Golda Meir, damalige Außenministerin Israels, den israelischen Botschafter in Polen, Katriel Katz, der polnischen Regierung auszurichten, daß Israel die Einrichtung einer »Selektion« unter den nach Israel emigrierenden polnischen Juden wünsche, da man keine weiteren »Behinderten und Kranken« aufzunehmen vermag. Meir fragte den Botschafter, ob man dies den Polen vermitteln könne, ohne die Aliyah (die Einwanderung nach Israel) zu schädigen. Der dazu befragte polnisch-jüdische Historiker Szymon Rudnicki, der das Dokument gefunden hat, zeigte sich zutiefst betroffen. Es handle sich um ein »sehr zynisches« Dokument; man wisse jedoch, daß Golda Meir »eine brutale Politikerin war, die eher Interessen als Menschen verteidigte«.

»Regulierung« der Einwanderung

Die Leserreaktionen in den israelischen Medien vereinnahmten sogleich diese Nachricht, um Belange, die mit dem gefundenen Dokument nur indirekt etwas zu tun hatten, mit Verve zur Sprache zu bringen. Besonders prominent die aufatmende Erkenntnis, offenbar nicht nur orientalische, sondern auch aschkenasische Juden seien vom Establishment des jungen zionistischen Staates mit überheblichem Paternalismus behandelt worden – eine »Erkenntnis«, die auf die Unterhöhlung der politisch brisanten Klagen orientalischer Juden zielte, vom israelischen Staat aus ethnischen Gründen diskriminiert worden zu sein.

Die relevante Einsicht in diesem Zusammenhang brachte indes Tom Segev auf den Punkt. Seine Ausführungen seien hier mit einiger Ausführlichkeit zitiert, denn sie fassen in Segevs lakonisch-faktenbezogener Sprache zusammen, worum es eigentlich geht: Golda Meir sei eine zugleich sentimentale und verhärtete Frau gewesen, aber die in ihrem Brief an den israelischen Botschafter in Polen gegebene Anweisung zeichne sie mitnichten spezifisch aus. Die Unterscheidung zwischen willkommenem und unwillkommenem »Menschenmaterial« habe den Zionismus von seinem Anbeginn begleitet; der Ausdruck finde sich schon in Herzls »Judenstaat«. Zwar sollte die Errichtung des Staates Israel die Juden in der Welt vor dem Untergang retten, aber bereits in den 1930er Jahren habe sich das Gefühl verfestigt, daß die Einwanderung der Juden nach Palästina vor allem vonnöten sei, »um das jüdische Kollektiv in Erez Israel zu retten und die Errichtung des Staates zu ermöglichen«. Im israelischen Zionistischen Archiv fänden sich Dokumente, welche die Absicht widerspiegelten, die Einwanderung von an infektiösen Krankheiten leidenden bzw. geisteskranken Juden zu beschränken, wenn nicht ganz zu verhindern. Noch 1936 sei eine Stiftung gegründet worden, die die Finanzierung der Rücküberführung von Todkranken nach Europa leisten sollte, damit sie »der Öffentlichkeit nicht zur Last fallen«. Die am meisten erwünschten Immigranten waren »ledige Männer im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren: Nur 20 Prozent der Zertifikate wurden für junge Frauen ausgestellt. Man neigte auch dazu, die Immigration von Kommunisten, Kriminellen, Alkoholikern und Journalisten zu erschweren«. Nach der Staatsgründung habe man angesichts der massiven Einwanderungswellen begonnen, die »Regulierung« und »Selektion«, wie sie gemeinhin hießen, noch strikter zu implementieren, mithin Krankheitslisten auszuarbeiten, mit denen die Einwanderung von Kranken verhindert werden sollte. Diese – mit der zionistischen Vision in eklatantem Widerspruch stehende Politik – sei von keinem anderen als von Nahum Goldmann, dem langjährigem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses und der Zionistischen Weltorganisation, ideologisch legitimiert und abgefedert worden: ein Staat und ein Volk hätten ein »Recht zu einer gewissen Grausamkeit«. Segev führt zahlreiche weitere Beispiele für die teilweise sich noch strenger ausbildende »Selektions«-Politik an. Im Laufe der Zeit, meint er aber, habe sich die ideologische Dimension dieser Politik zunehmend abgeschwächt, und man sei dazu übergegangen, alte und kranke jüdische Menschen in ihrem Ursprungsland (etwa der ehemaligen Sowjetunion) zu belassen, sie also nicht mit einer Überführung nach Israel zu belasten und ihnen durch freiwillige Hilfsorganisationen Unterstützung angedeihen zu lassen.

Wohlverstanden, es geht hier nicht um moralisierende Schadensabwicklung. Daß Kollektive in Wendezeiten (und nicht nur in diesen) das »Recht zu einer gewissen Grausamkeit« beanspruchen dürfen, ist unter den Bedingungen historischer Prozesse im Stande der Unfreiheit nachvollziehbar. Das gilt nicht nur für den Zionismus. Prekär wird es allerdings, wenn sich das Kollektiv selbst als Moralinstanz aufspielt und den Anspruch, eine solche zu sein, auch noch monopolistisch ausdeutet. Die historischen Zwänge, denen der Zionismus bei der Verwirklichung seiner Ziele ausgesetzt war, sind bekannt. Auch daß er diese Zwänge zum Anlaß nahm, sich selbst zu heroisieren, sei ihm ideologisch zugestanden. Man wird dann aber, wenn diese ideologische Moralverdinglichung zur blanken Lüge umschlägt, den Schleier lüften und das womöglich inzwischen zur Fratze entstellte Gesicht enthüllen dürfen. (…)

Prof. Dr. Moshe Zuckermann unterrichtet Philosophie und Geschichte an der Universität Tel Aviv. Er gilt als profunder Kritiker israelischer Politik und hat mehrfach in jW zum Thema Stellung bezogen.

Moshe Zuckermann, »Antisemit!« Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Wien, Promedia Verlag, 208 Seiten, 15,90 Euro.

  1. Moshe Zuckermann, Zionismus als Staatsdoktrin in jungeWelt vom 07.10.2010