Archive for the ‘Rousseau’ Category

Das Leben als Beruf

Sonntag, Juli 11th, 2010

In der natürlichen Ordnung sind alle Menschen gleich; ihre gemeinsame Berufung ist: Mensch zu sein. Wer dafür gut erzogen ist, kann jeden Beruf, der damit in Beziehung steht, nicht schlecht versehen. Ob mein Schüler Soldat, Priester oder Anwalt wird, ist mir einerlei. Vor der Berufswahl der Eltern bestimmt ihn die Natur zum Menschen. Leben ist ein Beruf, den ich ihn lehren will. Ich gebe zu, daß er, wenn er aus meinen Händen kommt, weder Anwalt noch Soldat noch Priester sein wird, sondern in erster Linie Mensch. Alles, was ein Mensch zu sein hat, wird er genau so sein wie jeder andere auch; und wenn das Schicksal ihn zwingt, seinen Platz zu wechseln, er wird immer an seinem Platz sein.

  1. J.-J. Rousseau – Emil oder über die Erziehung (1762); hier ausgabe von 1998; Seite 14

Die Neigungen der Menschen

Sonntag, Juli 11th, 2010

Natur ist, so sagt man, nichts als Gewohnheit. Was heißt das? Gibt es nicht Gewohnheiten, die man nur unter Druck annimmt und die niemals die Natur ersticken? Man verhindert z.B. daß eine Pflanze nach oben wächst. Gibt man ihr die Freiheit wieder, so behält sie zwar die Beuchung bei, aber der Wachstumstrieb bleibt derselbe. Sie richtet sich wieder auf, wenn man sie weiter wachsen läßt. Genau so steht es mit den Neigungen der Menschen. Unter gleichbleibenden Verhältnissen behält man Gewohnheiten bei, die vielleicht unserer Natur am wenigsten entsprechen. Sobald die Verhältnisse sich ändern, hört der Zwang auf, und die Natur kehrt zurück.

  1. J.-J. Rousseau – Emil oder über die Erziehung (1762); hier ausgabe von 1998; Seite 11

Ich sehe mit anderen Augen…

Sonntag, Juli 11th, 2010

Im systematischen Teil, der den Gang der Natur darzustellen versucht, wird der Leser am meisten stutzen. Hier wird man mich wahrscheinlich angreifen, und vielleicht nicht zu unrecht. Man wird weniger eine Abhandlung über die Erziehung als Träumereien über sie zu lesen glauben. Was kann ich tun? Ich schreibe eben nicht, was ein anderer denkt, sondern was ich denke. Ich sehe mit anderen Augen, und das hat man mir schon lange vorgeworfen. Aber kann ich anders sehen und anders denken? Nein! Ich darf mich nur nicht überschätzen und mich nicht für klüger halten als alle Welt. Ich werde meiner Meinung mißtrauen, sie aber nicht ändern. Das ist alles, was ich tun kann und was ich auch tue. Wenn ich manchmal deutlich werde, so geschieht das nicht, um dem Leser zu imponieren. sondern um ihm zu zeigen, wie ich denke. Warum soll ich etwas zweifelsam ausdrücken, wovon ich fest überzeugt bin? Ich sage nur, was ich denke. (mehr …)